Agaricus xanthoderma

Karbolchampignon

Genev. 1876
Familie: Agaricaceae
© Dieter Gewalt

Die rund 60 in Europa vorkommenden Champignon-Arten sind oft nur schwer voneinander abzugrenzen. Die Wenigsten wissen, dass es unter ihnen auch giftige gibt. Sie sind in der Sektion Karbolchampignons (Xanthodermei) zusammengefasst und zeichnen sich durch starke Gelbverfärbung in Verbindung mit einem typischen Phenolgeruch (Karbol, Tinte, Krankenhaus) aus. Gelbverfärbungen kommen auch bei essbaren Champignons vor, beim Karbolchampignon ist sie besonders in der Stielbasis sehr ausgeprägt und hier ist der unangenehme Karbolgeruch auch am deutlichsten wahrzunehmen. Häufigste Art ist der Karbolchampignon Agaricus xanthoderma (lt. Index fungorum: xanthodermus). Er kommt vor allen auf Grasflächen in Parkanlagen, Gärten und Friedhöfen vor, ist aber auch außerhalb bewohnter Gebiete auf Grasflächen und in Wäldern anzutreffen.

Pilzsachverständige werden sehr häufig mit diesem Pilz konfrontiert. In den Sprechstunden der Pilzberatung im Frankfurter Gesundheitsamt ist er der am meisten aussortierte Pilz. Er enthält bis zu 0,1 Prozent des Frischgewichts den in der Natur nur selten vorkommenden Giftstoff Phenol. Typische Vergiftungssymptome nach dem Verzehr von Karbolchampignons sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Bauchschmerzen, die nach einer relativ kurzen Latenzzeit von 15 Minuten bis 2 Stunden auftreten und als gastrointestinales Pilzsyndrom bezeichnet werden. Eine klinische Behandlung ist in der Regel nicht erforderlich. Nach dem Abklingen der Symptome bleiben keine gesundheitlichen Schäden zurück.

Nicht selten sind enorme Massenvorkommen zu beobachten, wie zum Beispiel in einer Parkanlage in Dietzenbach an der Rodgaustraße. Bereits Ende April 2016 waren hier beim ersten Schub des Jahres weit über tausend Fruchtkörper erschienen. Die hohe Zahl ergab sich aus Hochrechnungen, nachdem einige kleine Flächen ausgezählt waren. Als Beleg füge ich hier einige Fotos an:

Solche Massenvorkommen wiederholen sich hier mehrmals im Jahr und wir haben einmal sogar etliche Schnittstellen bemerkt und uns gefragt, ob da jetzt gerade jemand an Durchfall und Bauchschmerzen leidet. Da bei der Zubereitung der Pilze ein aufdringlicher, abstoßender Gestank aus der Pfanne in die Nase steigt, sollte man annehmen, dass sich niemand mehr zum Verzehr entschließen wird. Dennoch kommt es immer wieder zu Vergiftungen.

Hinter Gittern

Farbreaktion und Geruchsentwicklung kann man sehr schön mit einem einfachen Experiment erzeugen. Man lege einige Karbolchampignons in eine weiße Schale und übergieße sie mit kochendem Wasser. Die Verfärbung des Wassers zeigt das Foto, die Geruchsentwicklung ist nicht weniger beeindruckend.

Ein Blick durch die Telefonleitung

Mit die häufigste und auch am einfachsten zu lösende Beanspruchung eines Pilzsachverständigen wird durch den Karbolegerling verursacht. Wenn der Ratsuchende erwähnt, er habe seine Champignons im Garten oder Park oder sonstwo im städtischen Bereich gefunden, besteht von vornherein der dringende Verdacht, dass es sich um giftige handelt. Ob der Verdacht zutrifft, lässt sich fast immer auch telefonisch klären. Eine Anruferin aus Frankfurt hatte eine ganze Menge Champignons in ihrem Garten und wollte vor dem Verzehr sicher gehen, dass sie essbar sind. Für mich stand dagegen schon so gut wie fest, dass es sich um Karbolchampignons handelt.

„Haben Sie einen der Pilze mit kompletter Stielknolle parat?“ fragte ich.

Sie bejahte.

„Haben Sie auch ein Messer griffbereit?“

Erneute Antwort: „Ja.“

„Dann schneiden Sie mal unten schräg durch die Stielknolle.“

„Hab ich gemacht.“

„Reiben Sie jetzt mal an der Schnittstelle.“

„Hab ich gemacht“

„Und die ist jetzt deutlich gelb geworden,“ fuhr ich im Brustton der Überzeugung fort. Am anderen Ende der Telefonleitung kurzes Schweigen, dann die erstaunte Frage:

„Ja können Sie das denn sehen???“

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Dieter Gewalt.
Zuletzt aktualisiert am 24. Juli 2020