Rhodocybe gemina

Würziger Tellerling

(Paulet) Kuyper & Noordel. 1987
Familie: Entolomataceae
© Dieter Gewalt
Neuer Name: Clitopilus geminus
gemina/geminus = zweifach, doppelt, Zwilling
22.10.2001 am Wollwiesenteich bei Dietzenbach

Weniger erfahrene Pilzfreunde sind in der Regel ziemlich ratlos, wenn sie diesem Pilz zum ersten Mal begegnen. Vom Habitus her käme vielleicht ein Ritterling in Betracht, doch dazu passt der Lamellenansatz nicht. Ein Rötelritterling? Auch in dieser Gattung wird man vergeblich suchen. Die Lamellenfarbe könnte an einen Rötling denken lassen und ein Sporenabwurfpräparat zeigt eine dazu passende Farbe: schön fleischrosa. Damit sind wir der Problemlösung ein gutes Stück näher gekommen. In der Familie der Entolomataceae gibt es neben den nach der Artenzahl dominierenden Rötlingen noch ein paar weitere Gattungen und nun sorgt das Mikroskop für rasche Klarheit. Die Sporen sind eher elliptisch geformt, also nicht auffallend mehreckig wie bei den Rötlingen, und warzig. Danach kommt nach Farbe und Habitus der Fruchtköper eigentlich nur noch Rhodocybe gemina in Betracht. Ein angenehm würziger Geruch sollte die Bestimmung dann endgültig bestätigen.

In der Literatur wird der Würzige Tellerling als selten angegeben. Für das Rhein-Main-Gebiet ist im Verbreitungsatlas gerade mal ein Fund ausgewiesen. Dann kam das Jahr 2004, das man zumindest in unserer Region als „Jahr des Würzigen Tellerlings“ bezeichnen konnte. Der seltene Pilz zeigte sich ungewohnt häufig und an zahlreichen Stellen und wurde mir auch mehrfach bei der Pilzberatung vorgelegt. Auch in den Folgejahren konnten Fundmeldungen, zumeist von bereits bekannten Standorten, registriert werden.

Der Würzige Tellerling ist übrigens ein ausgezeichneter Speisepilz, der jedoch nur von Pilzkennern gesammelt werden sollte, die ihn sicher kennen.

06.08.2011 Sandhorst, Mischwald bei Dietzenbach (TK 5918.4.4) 22.07.2017 Götzenhain, Ringwäldchen (TK 6018.1.2)

Pilze scheinen es zu lieben, Pilzfreunde und -sammler zu foppen, wo sie nur können. Am 22. Juli bringt Brigitte Koch drei Pilze aus dem Spessart mit, die durch ihre ungewöhnlich dicken Stiele auffallen. Zwei davon sind auch noch miteinander verwachsen, die Hutkanten überragen die Stiele nur um einige Millimeter. Von der gesamten Masse des Zwillingspärchens scheint der Löwenanteil auf die Stiele zu entfallen. Wie es der Zufall will, finden wir bei unserer Exkursion im Ringwäldchen einen deutlich größeren weil älteren Pilz mit einer ähnlich ungewöhnlichen Hut-Stiel-Relation. Er hat einen Hutdurchmesser von 8,3 cm, sein Stiel misst in der Mitte 3,6 cm, die Lamellen laufen am Stiel bogig herab. Der Sporenabwurf zu Hause bestätigt dann, was ein Betrachter aufgrund unseres in einem Pilzforum geposteten Fotos vermutet hat. Die fleischrosa Sporenpulverfarbe verweist in die Familie der Rötlingsverwandten und damit ist der Fall geklärt. Wir haben es mit Würzigen Tellerlingen zu tun.

Einen Tag später: FundGroup-Wanderung im Koberstädter Wald bei Langen (TK 6018.1.1). Wir finden ein rundes Dutzend überwiegend junge Fruchtkörper, alle mit dem gleichen ungewöhnlichen Merkmal: auffallend dicke Stiele. Scherzfrage: ist da gerade eine Mutation im Gange? Den Würzigen Tellerling kenne ich seit langem, aber ich habe ihn bisher nur mit schlanken Stielen wie auf dem Foto ganz oben erlebt. In der Literatur werden Stieldicken von 1 – 2 cm angegeben (Krieglsteiner, Großpilze Baden-Württembergs Band 4, 2003)

Weiterführende Literatur:

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Dieter Gewalt.
Zuletzt aktualisiert am 14. August 2020