Pilobolus kleinii

Pillenwerfer

Tiegh. 1878
Familie: Pilobolaceae
© Dieter Gewalt
Synonym: Pilobolus crystallinus

Sie sind winzig klein, die erstaunlichen Pillenwerfer, und so wie auf den Fotos nur mit einer ausreichend vergrößernden Lupe zu sehen. Dabei muss man ganz nah ran an die Pferdeäpfel! Keine Angst. Pferdeäpfel gehören im Sortiment der Säugetierausscheidungen noch zu den appetitlichsten und stinken kaum. Am besten, man holt sie sich nach Hause in den Garten oder auf den Balkon, verstaut sie in einem geeigneten Behälter und deckt ihn mit einer Glasscheibe oder transparenten Folie ab. Darunter entwickelt sich ein Treibhausklima, das für die Kultivierung der bemerkenswerten Pilzchen bestens geeignet ist. Die Pferdeäpfel sollten nicht zu frisch und nicht zu alt sein, am besten zwei bis drei Tage. Das ist wichtig, denn bei meinen zahllosen bisherigen Kulturversuchen hatte ich nie darauf geachtet und wohl deshalb keinen Erfolg gehabt. Ein einziges Mal habe ich Pillenwerfer in freier Natur entdeckt - ein sicher seltener Glücksfall - und zwar auf Kaninchenköteln.

Die hyalinen blasigen Köpfchen werden etwa 1 mm groß und sitzen auf deutlich längeren fädigen Stielen, die ebenfalls transparent und mitunter oder teilweise gelblich gefärbt sind. Je tiefer sie in ihrer Substratanhäufung entspringen, desto länger werden sie. Auf ihnen sitzen schwarze linsenförmige Kapseln (Sporangien oder Sporocysten genannt), in denen sich die Sporen entwickeln. Besonders attraktiv sind die Minipilzchen, wenn sie mit winzigen Wassertröpfchen besetzt sind, was meistens der Fall ist. Bei Sporenreife werden die Sporangien meterweit abgeschossen. Dazu wird im Inneren der Blasen ein enormer Druck aufgebaut, der die Geschosse einer bis zu 100.000-fachen Erdbeschleunigung aussetzt. Das entspricht einer Geschwindigkeit von 25 m pro Sekunde. Damit sind die Pillen des Pillenwerfers die schnellsten Flugobjekte der belebten Natur. Wenn sie auf Gräser oder andere Pflanzen treffen und durch die Wucht des Aufpralls zerplatzen, bleiben die klebrigen Sporen an ihnen haften und monatelang keimfähig. Die Verbeitungsstrategie dieser koprophilen Pilze besteht also darin, von pflanzenfressenden Säugetieren verzehrt und mit deren Kot an anderer Stelle ausgeschieden zu werden.

Wenn ich die Adresse des Pferdes wüsste, das mir zu meinem ersten gelungenen Kultivierungsversuch verholfen hat, würde ich ihm ein Dankschreiben schicken. Seither durfte ich mich über etliche weitere Kultivierungen freuen, die ich jedes Mal als begeisterndes Glückserlebnis empfunden habe.

Video-Empfehlung (unbedingt anschauen!)
https://av.tib.eu/media/10375

Weiterführende Literatur:

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Dieter Gewalt.
Zuletzt aktualisiert am 1. Februar 2021